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【Editing Thinking】Theorie der blauen Lampe

【Schnittdenken】Die Blaulicht-Theorie Die „Blaulicht-Theorie“ wurde von Walter Murch in „In the Blink of an Eye“ (Über die Kunst des Filmschnitts) vorgestellt. Sie gilt nicht nur für den Filmschnitt, sondern lässt sich in abgewandelter Form auch auf andere Arten des Schnitts anwenden. Im Kapitel über die *Herangehensweise an musikalische Übergänge* gab es am Anfang ein Beispiel eines Mashups; wenn man dort nun einfach die Musik austauscht, vorne und hinten ein paar in ihrer Stimmung ähnliche Einstellungen ergänzt, bleiben die übrigen Einstellungen …

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【Montagedenken】Die Blaulicht-Theorie

Die „Blaulicht-Theorie“ wurde von Walter Murch in „In the Blink of an Eye“ (dt. „Die Kunst des Filmschnitts“) formuliert. Sie gilt nicht nur für den Filmschnitt, sondern lässt sich in abgewandelter Form auch auf andere Arten des Schnitts übertragen.

Im Kapitel über „Herangehensweisen an Musikübergänge“ gab es am Anfang ein Beispiel für einen Mash-up-Schnitt. Jetzt wird einfach die Musik ausgetauscht, davor und dahinter ein paar stimmungsverwandte Einstellungen ergänzt, alle übrigen Shots bleiben unverändert, auch die Reihenfolge wird nicht angepasst. Selbst wenn sich die Musik ändert, unterscheidet sich das fertige Video in seiner Wirkung kaum von der ursprünglichen Version, denn ein inneres Element dieses Clips ist durchgehend unverändert geblieben – und genau das ist der Kern der Blaulicht-Theorie.

Wenn wir uns einem blauen Zimmer nähern und darin eine auffällige blaue Glühbirne sehen, denken wir zunächst, dass die Blautönung des Raums von dieser Glühbirne stammt. In Wirklichkeit ist es anders: Schrauben wir die Glühbirne heraus, stellen wir fest, dass der Raum weiterhin blau ist – ja, er wirkt fast noch natürlicher blau. Nur waren wir anfangs von der auffälligen blauen Glühbirne so sehr abgelenkt.

Das ist die von Walter Murch in „Die Kunst des Filmschnitts“ vorgestellte Blaulicht-Theorie. Sie klingt ziemlich verschlungen, ist kopflastig und scheint zunächst wenig mit Schnitt zu tun zu haben. Er ergänzt dazu: „Wenn du das, was du ursprünglich für den einzigen Kern einer bestimmten Idee gehalten hast, wegnimmst – in dem Moment, in dem du es entfernst –, stellst du fest, dass die Idee weiterhin da ist, und dass sie zu allen anderen Elementen in einer organischeren Beziehung steht.“ Das klingt immer noch abstrakt. Was bedeutet diese Blaulicht-Theorie also genau? Beim ersten Lesen habe ich sie selbst nicht verstanden; erst nach vielen Jahren praktischer Schnittarbeit haben sich mir langsam einige ihrer wichtigen Bedeutungen erschlossen.

Tatsächlich entstand die Blaulicht-Theorie aus einem Gedanken, den Murch beim Schnitt des Films „The Conversation“ („Der Dialog“) hatte. Der Film wurde am Ende von fünf Stunden auf unter zwei Stunden gekürzt, und Murch erkannte: Indem man Dinge weglässt und Szenen streicht – sogar sehr wichtige Szenen – kann am Ende mehr Information sichtbar werden. Die Blaulicht-Theorie besagt also: In einem bereits geformten Werk (einem bestehenden Rahmen) kann man ursprünglich sehr wichtige Elemente entfernen, ohne das Ganze zu beschädigen – im Gegenteil, das Gesamtbild kann dadurch sogar stärker hervortreten.

Hier ein direktes Beispiel: Das ist ein Ausschnitt aus einem meiner früheren Independent-Filme. Dieser Abschnitt erzählt vor allem den Hintergrund der Protagonistin. Nach der Hochzeit verändert sich der Charakter ihres Mannes drastisch, er wird sogar gewalttätig, woraufhin sie ihn abgrundtief hasst und den Gedanken fasst, ihn zu töten. Wenn ich diese Sequenz heute noch einmal schneiden würde, würde ich vermutlich weitere Szenen kürzen: etwa zwei Sätze Dialog des männlichen Hauptdarstellers entfernen und stattdessen die Dialoge der Protagonistin die Führung übernehmen lassen. Sogar diese Nahaufnahme könnte man streichen, denn der Mann ist in diesem Film von Natur aus eher schweigsam. Das Weglassen seiner Zeilen würde seinen Charakterzug sogar noch deutlicher hervorheben. Zum Zweiten würde es den Anteil der Protagonistin in dieser Szene stärker gewichten. Das ist einer der Effekte der Blaulicht-Theorie. Gleichzeitig erzeugt man damit eine Art „Leerraum“.

In der kreativen Arbeit muss nicht alles bis ins letzte Detail erklärt werden; ein angemessenes Maß an Leerstellen regt die Vorstellungskraft des Publikums an. Und die Blaulicht-Theorie gilt nicht nur für den Film, sondern für jede Art von Schnitt – das ist der wichtigste Punkt, auf den ich zum Schluss hinauswill. In seinem lebenslangen Nachdenken über Montage hat Walter Murch außerdem sein berühmtes „Rule of Six“ formuliert: In der Montage hat Emotion die höchste Priorität. Solange die emotionale Gesamtwirkung eines Werks konsistent ist, wird sich der Gesamteindruck durch das Hinzufügen oder Entfernen einzelner Einstellungen kaum verändern. Wir können uns den blauen Raum als einen Film vorstellen: Wenn seine emotionale Grundstimmung einheitlich blau ist, spielt es keine große Rolle, wie viele blaue Glühbirnen du montierst oder wie viele du herausdrehst – die Gesamtstimmung bleibt erhalten.

Damit kommen wir zu dem Beispiel vom Anfang zurück: Beim Schnitt dieser Sequenz hielt ich anfangs die Musik für das wichtigste Element des Mash-ups. Sie entspricht in der Blaulicht-Theorie der Glühbirne – die Musik bildet die Grundlage der gesamten Stimmung. Selbst wenn man die Musik am Ende komplett austauscht, also einen einst zentralen kreativen Kern ersetzt, ändert sich die Wahrnehmung kaum, weil der emotionale Kern – „Weggehen und Abschied“ – unverändert bleibt. Solange du Musik findest, die zu diesem Thema passt, wird das Ergebnis nie völlig aus dem Rahmen fallen.

Viele abstrakte Denkweisen des Montierens verbergen sich hinter scheinbar schnittfernen Überlegungen – genau wie bei der Blaulicht-Theorie von Walter Murch.

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